BIOGRAPHY

Wie alles begann

Als Marvin Brooks zwei Jahre alt war, bekam er zum ersten Mal richtigen Unterricht. Sein Vater hatte sich gerade einen CD-Player gekauft „und hatte solch eine Angst, ich könnte den kaputt machen“ erinnert sich Brooks lachend, „dass er mir alles stundenlang erklärt hat“. Und dann habe er, der kleine Marvin, „immer nur wie automatisch Maxi Priest aufgelegt“. Dessen Hit hieß damals „Close To You“, und Marvins Mutter behauptet bis heute, er habe dieses Lied singen können, als er noch gar nicht sprechen konnte.

 

Danach hat Marvin Brooks das Singen für gut zwanzig Jahre ad acta gelegt. Mit 14 fing er an, mit Klassenkameraden zu den instrumentalen B-Sides von Maxis zu rappen, „ich bekam damals auch schon unterrichtsfrei, um Musikabende organisieren zu können. Das hat mir Vertrauen gegeben“. Irgendwann sei aus Spaß Ernst geworden, „da hatte ich schon einen Manager und auch ein paar größere Auftritte hinter mir. Mit 16 hatte ich meinen ersten Plattenvertrag und dachte, alles klar, jetzt sind wir drin“. Ein Freund, der sang, eine kleine Band und Marvin, der Rapper, der MC.

Hat der sich über das plötzlich ’Professionelle’ nur gefreut oder beschlichen ihn auch komische Gefühle? „Nein, gar nicht“, sagt Marvin „für mich persönlich fühlte sich das an wie eine Bestimmung, es gab nie einen Plan B, den wird es auch nicht geben, ich weiß genau, was ich will“. Natürlich habe es Höhen und Tiefen gegeben, als er darüber nachgedacht habe, „ob es wirklich richtig läuft. Aber letzten Endes war da in mir immer diese andere Stimme, die gesagt hat: Ja, das ist es“. Auch dass er erst seit vier Jahren wirklich singe, gehöre zu dieser Bestimmung. „Früher haben mir echt viele Leute gesagt, ich könne nicht singen und solle es besser sein lassen, vor vier Jahren habe ich gesagt, egal, ich mache es jetzt einfach“. Mittlerweile höre er viel Lob, „und weil ich ein gläubiger Mensch bin, glaube ich daran, dass zur richtigen Zeit das Richtige kommt und passiert und sich Türen öffnen. Für mich ist jetzt der richtige Zeitpunkt“.

Vorbilder und Berufung

Ganz genau so hören sich seine Songs auch an. Niemals klingt dort etwas glatt und perfektionistisch, immer bleibt Weißraum für den Hörer, den er sich mit eigenen Phantasien und Träumen ausmalen kann. Und Marvins Stimme trägt zwar durchaus schon imposante Züge, besitzt aber noch das Potential, sich in gleich mehrere Richtungen zu entwickeln. „Früher in der Kirche hat man immer gesagt, jeder könne singen“, meint Marvin. Er sei da lieber „ganz ehrlich und sage: Ich finde das nicht. Als guter Sänger muss man nicht jeden Ton treffen, obwohl es besser in diese Richtung gehen sollte, aber wichtiger ist es, dass da ein Gefühl mit der Stimme transportiert wird“.

Singen bedeute das Berühren von Herzen, zumindest für ihn. „Ich kenne auch richtig gut ausgebildete Sänger und Sängerinnen, die jeden Ton und jede Phrasierung hinbekommen, aber mich berühren die nicht unbedingt“. Er sei „nicht der beste Sänger und auch nicht der krasseste Typ auf der Welt, aber ich glaube ganz fest daran, Gefühl in der Stimme zu haben. Die Leute, die von mir auf der Bühne begeistert waren, wurden vermutlich berührt, ich empfinde das als eine Ehre“.

 

Auch wenn Marvin Brooks seine ersten Schritte in die Musikwelt mit besagter Single von Maxi Priest absolvierte, wirklich geprägt hat ihn ganz offenbar der R’n’B. „Ich habe diese Musik schon geliebt, als ihre Sänger noch in Latzhosen auftraten“. Er heiße ja mit vollem Vornamen Marvin Alexander, „meine Eltern benannten mich nach Marvin Gaye und Alexander O’Neal, da gibt es schon Parallelen. Ich glaube ja sowieso, dass nichts ohne Grund passiert“. Jetzt, wo er vom Rapper zum Sänger geworden sei, „kommt es mir fast wie Schicksal vor – auch wenn ich es mir niemals anmaßen würde, mich in deren Fußstapfen zu stellen“.

Kampf und Liebe

Nur ein einziges Mal in den letzten zehn Jahren sah es fast so aus, als könne Marvin Brooks der Musik doch noch verloren gehen. „Ja, richtig“, grinst der muskelbepackte Sänger, „das war, als unsere erste Gruppe zerbrach. Da stand ich irgendwie im Niemandsland, wusste nicht genau, wo ich stehe. Ich fing an, Songs zu schreiben, aber mir fehlte schnell die Bühne“. Er habe einen Ausgleich gebraucht, „auch einen körperlichen, und da bin ich mit einem Kumpel ins Boxstudio gegangen“. Einer der beiden Trainer war Graciano “Rocky” Rocchigiani, „er und zwei andere boten mir an, mich als Trainer zu betreuen. Ich trainierte, nahm ein Kilo nach dem anderen ab, die legten mir irgendwann auch Verträge vor, die mich zum Profi gemacht hätten“. Aber er sei in letzter Sekunde noch ausgestiegen. „Ich hatte einen Sparringkampf, der mir klar gemacht hat, dass ich kein Boxer bin. Mir blutete schon alles, bis ich durchgedreht bin und den Typen ausgeknockt habe. Aber nur als Reaktion darauf, dass er mir weh getan hat, und das war definitiv zu spät“.

Die Sparringkämpfe trägt Marvin Brooks jetzt mit sich selbst und seinem eigenen Ehrgeiz aus. „Das Schreiben und Komponieren ist für mich ein reines Gefühlsding, alles andere ist mir Wurscht. Ich will am Ende Gefühle transportieren. Dabei vertraue ich den Leuten, mit denen ich arbeite, ganz unbedingt, die geben alle ihr Bestes. Wir sind natürlich noch lange nicht da angekommen, wo es vielleicht mal hingehen könnte, es liegen bestenfalls 50 Prozent hinter uns. Da bin ich sehr selbstkritisch, es gibt noch eine Menge Luft nach oben“. Andere nähmen jetzt vielleicht Kleinkredite zur Finanzierung ihres Gesangslehrers auf, Brooks agiert auch hier ganz aus dem Bauch heraus. „Wenn die Kassenlage es erlaubt“, grinst er, „nehme ich schon auch mal Gesangsstunden“. Aber er merke immer mehr, dass die Bühne ein noch besseres Training ist. „Je öfter man da steht, desto länger halten beim nächsten Mal deine Kräfte. Mit Shows trainierst du deine Stimme, bis du irgendwann locker zwei Stunden schaffst. Du teilst dir deine Kräfte auch besser ein, mir passiert das nicht mehr so oft wie früher, dass ich zu viel Gas gebe und nach 30 Minuten anfange, heiser zu werden“. Wovon seine jüngsten Songs eindrucksvoll Zeugnis ablegen.

Deutschlands erste Reggae-Soul-Liga wird sich auf einen neuen Konkurrenten vorbereiten dürfen. Auf einem Mann, der sein Talent als Schicksal nimmt und über seine Bühnen-Aufenthalte sagt, er sei dort „an manchen Tagen komplett in Trance, an anderen einfach nur drin und trotzdem sehr fokussiert. Lieben tue ich beides. Ich mag auch besonders das, was ich vielleicht bald nicht mehr haben werde. Wenn ich als Support auf die Bühne gehe und kaum einer mich kennt. Dann warten die erstmal ab, aber wenn dann zum ersten Mal meine Stimme hoch geht und die Leute fast schockiert sind, so im Sinne von positiv überrascht, das ist ein tolles Gefühl“.